Die vierzehn Kreuzweg-Stationen im Nazarenerstil

Kreuzwege - das Meditieren des Weges Jesu in Jerusalem vom Sitz des Pilatus, der Burg Antonia, bis zur Hinrichtungsstätte auf Golgota - sind fast so alt wie die Kirche selbst. Bereits die ersten christlichen Pilger schritten den Leidensweg betend ab. Seit dem Mittelalter ist der Kreuzweg eine vor allem in der österlichen Bußzeit geübte Andachtsform. Künstler aller Jahrhunderte und Stilrichtungen haben hierfür Werke geschaffen. Ursprünglich waren - den Passionsberichten folgend - sieben, später vierzehn Stationen von der Verurteilung bis zur Kreuzabnahme und Grablegung bzw. Auferstehung  üblich.

In unserer Kirche finden wir zwei Kreuzwege: Die vierzehn Bilder, 1886 in München gemalt von C. Lessig und A. Ranzinger, an den Wänden des Hauptschiffes – um die es nachfolgend geht - und die modernen Fensterbilder des Glasmalers Joachim Klos unter der Orgelempore.

Die Nazarener (ursprünglich ein Spottname wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes) waren eine Anfang des 19. J. in Wien und später Rom gegründete Künstlergemeinschaft, die sich selbst Lukasbrüder – nach dem
Apostel und Patron der Maler – nannten. Ihr Habitus war zugleich Programm: Rückbesinnung auf das „heilige“ Mittelalter, auf Dürer, Raffael, Fra Angelico und Perugino. Diese wurden zum Vorbild für eine angestrebte Erneuerung der Malerei im Sinne rückwärts gewandter sakraler Gefühlstiefe, eine religiöse Kunstrichtung, die die gesamte Kunst der Romantik beeinflusste.

Die meisten unserer Kreuzwegbilder wirken auf den Betrachter erst einmal dunkel. Das ist durchaus Stilmittel dieser Malerei: Die Lichtführung ist bestimmendes dramatisches Element in der Bildkomposition, hinleitend zu den zentralen Figuren der jeweiligen Szene. Die Bilder sind trotz der dargestellten „Aktionen“ durch Ernst und vor allem Innerlichkeit geprägt, fast schon ein wenig entrückt.
Die Figuren wirken eher gezeichnet denn gemalt. Die Gesichter sind ernst, dem Thema entsprechend, aber ohne impulsive Regung. So erkennt man in ihnen weder ein Grinsen noch etwa eine fratzenhafte Verzerrung. Bei aller Anspannung in den einzelnen Szenen wirken die Bewegungen fließend, die dargestellten Personen ja auch zueinander komponiert.
Die Farben sind warm und pastellartig, sie wollen Figuren und Landschaft miteinander verschmelzen. Auch die Farben haben die Funktion, die dargestellte Szene zu verinnerlichen und zu vergeistigen.

Insgesamt sind es sehr gefühlsbetont gemalte Kreuzwegbilder, die sich dem Betrachter nicht schon von weitem erschließen. Es lohnt sich aber, mal genauer hinzuschauen und sich in sie zu vertiefen.

Noch einmal schaut
dein Blick in fernste Zeiten:
Ein Strom von Sündern
zieht an dir vorbei,
Endlos und lästert
dich mit Hohngeschrei,
Dem Abgrund siehst
du sie entgegen schreiten.

Und Ekel greift
nach deinem reinen Herzen.
Doch dein Erbarmen
ist so göttlich groß.
Du nimmst den Schandpfahl
auf ganz reuelos
Und gehst den Weg
hinauf zum Berg der Schmerzen.

- Adolf Schön -