Der Schmerzensmann

Ein wenig versteckt wird die ca. 40 cm hohe Steinfigur heute in einer Nische an der echten Seite des Längsschiffes aufbewahrt, geschützt durch ein grobmaschiges Gitter. Vor dem letzten Umbau der Kirche 1976 stand sie außen am südöstlichen Strebepfeiler der Kirche.
Die etwa um 1500 entstandene Skulptur stellt den mit Dornen gekrönten und mit Geißeln geschlagenen Christus dar. Auf den ersten Blick wirkt die Figur etwas plump und im Detail weniger sorgsam ausgearbeitet als andere Statuen ähnlicher Art. Sie weist deutliche Spuren von Verwitterung auf. Dennoch lässt sich die Intention als Andachtsbild auch bei dieser Darstellung finden.

Der Körper der Figur ist in einer leichten S-Kurve nach hinten geneigt. Kraftlos stehen die Beine, in den Knien nach vorn geknickt, auf einem Steinsockel. Nur ein leicht gefaltetes Lendentuch und der Spottmantel bekleiden den nackten Körper. Der Purpurmantel legt sich, eine dunkle Schattenzone bildend, in raumschaffenden Bahnen um den Körper und wird im Schulterbereich mit einer Spange gehalten. Auffallend ist der breite etwas plump gestaltete Kopf, geschmückt mit einer geflochtenen Dornenkrone.
Lockige Haare umrahmen symmetrisch das meditativ zur Seite geneigte Haupt. Die Fülle der Barthaare verstärkt den Eindruck der leidvoll herabgezogenen Mundwinkel und der scharf ausgeprägten Nasenpartie. Der gebrochene, nieder gewandte Blick ist nach innen gerichtet. Als Zeichen spöttischer Verachtung haben die Schergen Christus ein Zepter aus Schilfrohr in die Hand gegeben. Es scheint, als ob das Flechtmuster der Dornenkrone sich im Muster des Zepters wiederholt. Ein „Rohr“ in der rechten Armbeuge – dieses findet sich ähnlich an vielen Plastiken dieser Zeit – zeigt die Geißelsäule, an der der Delinquent gefesselt wurde, um seine Qual zu vergrößern. Die geflochtene Geißel mit Griff in der linken Hand verweist auf die vorhergegangene Geißelung. Etwas Besonderes, wenn auch sehr schlicht herausgearbeitet, fällt dem Betrachter ins Auge: Die
rechte Hand, die das Zepter umfasst, weist an der Oberseite Wundmale auf. Auch die Haltung der Hand scheint auf die Seitenwunde Christi hinzuweisen. Deshalb kann die Figur sowohl als ecce homo als auch als Schmerzensmann bezeichnet werden; denn der Bildtypus des ecce homo gibt selten einen Hinweis auf die Wundmale. Dargestellt wird einmal der alle Qual leidende und gepeinigte Gottessohn, zum anderen begegnen wir Christus nach seinem Tode, nach seiner Auferstehung. Er trägt die Wundmale der Kreuzigung und steht als Leidender vor uns. Den Menschen früherer Zeiten gelang es, durch kontemplatives Hineinversenken, die Erniedrigung Christi mitzuerleben und mitzuerleiden. Zugleich waren sie sich aber ihrer Schuld bewusst, die der Erlösung bedurfte.

Diese grausamen Wunden ertrage ich für dich, o Mensch! Und mit meinem Blut heile ich deine Wunden, mit meinem Tod sühne ich deinen Tod. Als Gott bin ich für dich Mensch geworden. Du aber bist mir nicht dankbar! Oft reißt du mit deinen Sünden
meine Wunden auf. Noch immer werde ich durch deine Schuld gegeißelt.

- Albrecht Dürer (1511) -