Die Evangelisten

Schaut man sich die vier Evangelisten, wie sie da nebeneinander im Chor hängen, näher an, dann kommt man bald darauf, dass dies nicht ihr ursprünglicher Standort ist.

Ein altes Foto aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts gibt Aufschluss: Die Vier waren Bestandteil der Kanzel links vorn in der Kirche; diese ist wahrscheinlich mit dem Ausbau der Kirche im Jahre 1913 erworben worden, also neugotisch gewesen, wie viele andere Gegenstände in unserer Kirche auch (s. S. 58 ). 1967 wurde sie im Zuge der Liturgiereform ausgebaut. Die Evangelisten blieben der Kirche erhalten.

Alle vier sind etwa 85 cm groß und in lange, faltenreiche Obergewänder mit einer breiten Goldborde gehüllt und stehen barfüßig auf ihren Sockeln. Zu ihren Füßen jeweils die ihnen in der christlichen Kunst seit dem 4. Jahrhundert zugeordneten Sinnbilder. Diese Evangelistensymbole gehen auf die Visionen des Propheten Ezechiel und die Apokalypse des Johannes zurück: Matthäus = Mensch, Markus = Löwe, Lukas = Stier und Johannes = Adler. Sie könnten – wenn man auf jedes Detail schaut - von zwei verschiedenen Künstlern geschnitzt worden sein, Matthäus und Markus sowie Lukas und Johannes ähneln sich von der Bearbeitung her jeweils sehr.

Matthäus
Das Obergewand schützt auch den Kopf, aus dem ein hageres Gesicht heraus schaut, das von einem langen, wallenden Bart umrahmt ist. Der Blick ist nach unten auf eine Schriftrolle gewandt, die er in den Händen hält.

Markus
Der Verfasser des ersten Evangeliums ist mit vollem Haar und ebenfalls langem Bart dargestellt. Der rechte Arm ist angewinkelt, die Hand liegt auf der Brust, in der linken hält er ein aufgeschlagenes Buch.

Lukas
Der Künstler stellt den Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte in voller Lockenpracht dar, die durch eine Kappe auf dem
Hinterkopf gebändigt wird; der Bart ist gestutzt. Er ist intensiv in die Lektüre vertieft, hält die Schriftrolle in der Linken und scheint mit der Rechten über die Zeilen der Schrift zu fahren.

Johannes
Der Zebedäus-Sohn ist als junger Mann modelliert, bartlos und mit vollem, gelocktem Haar. Den Kopf zurück gelehnt schaut er zum Himmel, als erwarte er von dort Eingebungen für das Niederzuschreibende. Denn in der rechten Hand hält er einen Federkiel. In der Linken trägt er ein Buch.

Bring dich in Erinnerung, wenn wir, verstrickt in Geschäften und Geschäftigkeiten, Termine und Zeitnot vorschützen, das Hören nicht für wichtig halten; wenn wir, in klappernder Routine gefangen, vom Aussteigen träumen und von der Flucht
vor allen, die uns brauchen; wenn wir dies und das und jenes tun, uns an das Nächstliegende klammern in der Hoffnung, dass es uns trägt:
Sag uns dein Wort

(unberkannter Autor)