Ecce homo

Man übersieht es leicht, das Brustbild des Schmerzensmannes auf der rechten Seite des Ganges zum Beicht- und Gesprächsraum unter der Orgelempore. Es hängt dort im Dunkeln; gegenüber ist ein Schalter, mit dessen Betätigung sich das 90 x 75 cm große Ölbild anstrahlen lässt.

„Ecce homo“ (Sieh, welch ein Mensch), dieses Wort legt der Evangelist Johannes in seinem Passionsbericht dem Pilatus in den Mund (Joh 19,5), als dieser Jesus nach der Geißelung der Volksmenge vorführt.
Die Kunst nimmt sich dieser Szene als Thema schon seit dem 9. Jahrhundert an. Im Hochmittelalter sind Andachtsbilder, die Jesus im Purpurmantel als Ganz- oder Halbfigur zeigen, verbreitet. Das Motiv des leidenden Christus, der den Zuschauer unmittelbar anzuschauen scheint und ihm so ermöglichen will, sich mit dem Passionsgeschehen zu identifizieren.

Unsere Darstellung ist ein spätbarockes Werk. Ins Auge springt sofort die exzessive Hell-/Dunkel-Komposition des Gemäldes. Nur der Körper ist hell herausgehoben, hinter dem Kopf noch ein mittlerer Braunton, die gesamte übrige Bildfläche geht in tiefes Dunkel über.

Jesus trägt auf dem Kopf über schulterlangem Haar eine große, sehr realistisch gemalte Dornenkrone. Das von einem gestutzten Bart umrahmte Gesicht ist von den durchgestandenen Qualen gezeichnet. Der Blick aus rot umrandeten Augen ist flehentlich nach oben gewandt. Die Halsmuskeln treten vor Anspannung hervor. Der Spottmantel ist von der rechten Schulter herab geglitten und gibt so den Blick auf einen Teil des Oberkörpers frei.

Ein ergreifendes Bildnis.

Jesus steht inmitten von allem,
er nimmt alles auf sich,
er trägt alles,
er duldet alles.
Es ist unmöglich,
irgendein Geschöpf zu schlagen,
ohne ihn zu schlagen,
irgend jemand zu demütigen,
ohne ihn zu demütigen,
zu verfluchen oder zu töten,
ohne ihn zu verfluchen oder zu töten.

- Léon Blay -