Die Kreuzweg-Fensterbilder im Seitenschiff

Die kleinen Fenster unter der Orgelempore hat Joachim Klos als Kreuzweg in der ursprünglichen Form mit nur sieben Stationen gestaltet. Auf den ersten Blick sind die Bilder vielleicht nicht als solche zu erkennen, sie können aber nachhaltige Wirkung ausüben, wenn man sie auf sich wirken lässt. Die Erläuterungen wollen helfen, sich den Darstellungen zu nähern.

Zwei Merkmale haben alle Fenster gemeinsam:
Zum einen ist es das unterschiedlich lichtdurchlässige Glas, Synonym für unsere Lebenssituationen: Nicht immer sind wir in gleicher Weise "durch " - lässig, offen für Gottes Anruf oder die Nöte des Mitmenschen.
Zum anderen sind es jeweils mehr als zwanzig die Bilder beherrschende parallele Linien; sie geben nach dem Verständnis des Künstlers wie ein Raster die vielfältigen Wege unseres Lebens wieder, in deren Mitte Jesus unseren Weg immer wieder "kreuzen" kann, damit wir aus seinem bedingungslosen Einsatz Hoffnung schöpfen können.

Farben werden nur sehr zurückhaltend eingesetzt; sie akzentuieren aber die jeweilige Situation nicht nur in besonderer Weise, die Farbsymbolik ist vielmehr ein Schlüssel zum Verständnis dessen, was der Künstler dem Betrachter sagen möchte. 

Die folgenden Betrachtungen sind auch als Meditation ausgelegt:

1. Verurteilung

Ein Unschuldiger wird verurteilt; die weiße Farbe in der Silhouette unterstreicht es. Die Gestalt krümmt sich bei dem Gedanken daran, was da auf sie zukommt. Dem Pöbel und der Soldateska ausgeliefert. - Warum nur? Der senkrechte Balken am rechten Bildrand im violett der Passion, unterbrochen von waagerechten Schraffierungen und einem schwarzen Streifen, gibt eine Erklärung: Hier wird jemand verurteilt und in den Tod geschickt, der nicht in die herrschende Anschauung passt, der verkrustete Strukturen aufbrechen wollte und Selbstgerechtigkeit angeprangert hat.

2. Kreuzaufnahme

Jesus bekommt den schweren Balken aufgeladen, der größer ist als er selbst; Schmerz durchzuckt ihn, ob der ungeheuren Last. Er hat es nicht gewollt, das Kreuz, aber er nimmt es an; er steht zu "seinem" Kreuz. Die rote Farbe steht für das Opferblut Christi und für das Leben. Die weißen Rechtecke rechts und links heben noch einmal hervor: Hier wird ein Unschuldiger mit dem Schandbalken beladen; er nimmt die Schuld der Welt auf sich.

3. Begegnung mit der Mutter

Der blaue Farbbalken auf der linken Seite weist auf die Mutter Jesu hin: Blau ist nicht nur von alters her die Farbe des Firmaments, blau ist schon in der Urkirche aus der Ephesos - Tradition heraus die Farbe von Marias Mantel. Blau steht aber auch für Treue zu dem, was man für richtig erkannt hat. Die senkrechten Linien daneben wollen sagen: Es gibt nicht nur die johlende Masse und die jammernden Fernstehenden, es gibt auch Menschen, die sich wie ein Wall gegen dieses Leiden stemmen, und wenn sie es schon nicht aufhalten können, wollen sie es wenigstens mittragen. In der Bildmitte Maria, die ihren Sohn, den Unschuldigen, festhalten möchte, aber sie muss loslassen, er geht seinen bitteren Leidensweg konsequent bis zum Ende.

4. Begegnung mit Veronika

Da ist die legendäre Frau, Veronika, die nicht abseits bleibt in der Masse der Weinenden, sondern die aus der Menge tritt, sich zu Jesus bekennt und ihm das Tuch reicht. Der Künstler gibt in der senkrechten Linienführung diese Bewegung wieder; im Tuch ist nicht das Antlitz Jesu abgebildet sondern komprimiert der Lebensweg eines jeden von uns mit seinen Fehlern und Schwächen. Das violette Rechteck auf der linken Seite führt dem Betrachter noch einmal das alles beherrschende Leiden Jesu vor Augen, des Unschuldigen, wie der weiße Punkt ein weiteres Mal verdeutlicht.

5. Fallen

Unter der Last des Balkens bricht der Gequälte in die Knie. Ein Gedanke durchfährt ihn: Kann ich überhaupt noch weiter? Ich muss doch meinen Weg zu Ende gehen. Er wird sich aufraffen und sich weiter schleppen bis zum bitteren Ende. Rot ist die Farbe Jesu, auch die Farbe der Liebe: Sie allein befähigt, auch dann noch aufzustehen und weiterzugehen, wenn das die eigenen Kräfte übersteigt. Der schwarze Halbkreis an der rechten oberen Bildseite will sagen: Dieser Weg führt gnadenlos in die Vernichtung.

6. Tod am Kreuz

Der geschundene Körper sackt mit in einem letzten Schrei in sich zusammen. Aus und vorbei. Die Erde erzittert ob dieses Sterbens: Die obere waagerechte Linie zeigt es wie von einem Seismographen aufgezeichnet an. In dem violetten Feld rechts, Symbol für das Leiden, klein aber unübersehbar ein roter Punkt; rot, Farbe des Opferblutes Christi, auch - wie schon erwähnt - Farbe des Lebens und der Liebe: Es ist doch nicht alles aus: Die Liebe ist stärker als der Tod.

7. Auferstehung

Geradezu gewaltig bricht es heraus aus der Mitte unseres irdischen Lebens, Endlichkeit und Vergänglichkeit unseres Daseins sind überwunden. Gott hat seinen Sohn aus dem Tod geholt. Er lässt durch ihn auch für uns neues Leben wachsen. Die Enge unseres in Schuld verstrickten Lebens ist gesprengt: Wir sind erlöst. Das violette Rechteck links will zur Auferstehung nicht mehr so recht passen: Violett aber, zu gleichen Teilen aus rot und blau gemischt, ist auch die Farbe des Gleichgewichtes zwischen Himmel und Erde, und - im Augenblick der Vollendung seines Leidens vereinigt Jesus in sich völlig den wahren Menschen und den wahrhaftigen Gott. Mitten in dem violetten Streifen ein grüner Punkt: Er steht für unsere Hoffnung und unsere Auferstehungserwartung.

Ecce Homo

 

Nicht der Machthaber -

der Ohnmächtige

den sie verlachten

hat an mich gedacht

 

Nicht der Gewinner -

der Verlierer

hat mich gewonnen

 

- Lothar Zenetti -