4. Sonntag der Osterzeit

Evangelium    Joh 10, 1–10

Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

 

Impuls

Liebe Gemeinde,

 

zu den beliebtesten und bekanntesten Psalmen gehört wohl der Psalm 23.

Dieser Psalm ist das Lied eines Menschen, der sich darüber freut, dass Gott sein Hirte ist.

Der Beter hat die Erfahrung gemacht, dass Gott ihn durch alle Situationen seines Lebens hindurchträgt, und er daher nichts Besseres tun kann, als sein Leben Gott anzuvertrauen.

Im heutigen Evangelium offenbart sich Jesus als der gute Hirte, der ein inniges Verhältnis zu seinen Freunden hat.

In nur wenigen Sätzen weist uns der Evangelist Johannes darauf hin, wie der Hirt mit seinen Schafen lebt, und worauf es im Glauben entscheidend ankommt: "Meine Schafe hören auf meine Stimme.“

Ja, auf Jesu Stimme haben die Jünger damals gehört. Sie waren ihm gefolgt und hatten all ihre Hoffnung auf ihn gesetzt. Doch durch den Tod Jesu am Kreuz, wurde ihr Vertrauen tief erschüttert, und damit verloren sie jegliche Perspektive, die sie sich mit ihm erhofft hatten.

 

In den Evangelien zwischen Ostern und Pfingsten erfahren wir, liebe Mitchristen, wie behutsam Jesus als Auferstandener seine Freunde begleitet und das erschütterte Vertrauen wiederaufbaut.

In diesen 50 Tagen schenkt er seinen Jüngern Erfahrungen, die sie tiefer ins Vertrauen und im Glauben wachsen lassen. Doch zunächst müssen sie lernen, dass es nach Jesu Auferstehung nicht mehr so weiter geht wie bisher, und dass es eine Veränderung in der Beziehung zu ihrem Meister gibt.

 

Davon haben wir am letzten Sonntag im Evangelium gehört, wie Jesus am See Tiberias gemeinsam mit den Jüngern am Kohlenfeuer sitzt, und sie nicht in der Lage sind, zu fragen, wer er ist, obwohl sie wissen, dass es der Herr ist.           

Ja, es ist eben nicht mehr so wie früher, sie können nicht mehr so frei mit ihm umgehen wie sie es bisher getan haben.       

    

Eine ähnliche Erfahrung macht Maria Magdalena am Ostermorgen, als Jesus ihr nach seiner Auferstehung begegnet.

Wir können uns vorstellen wie sie Jesus umarmt, ihn küsst und ihn eigentlich nicht mehr loslassen will. Doch Jesus macht ihr deutlich: „Halt mich nicht fest“. Mit diesen klaren Worten gibt er ihr zu verstehen, dass die frühere menschliche Beziehung, an die Maria Magdalena gewohnt war, vorbei ist.

 

Sie muss eine neue Beziehung zu ihm aufbauen, die ihr Jesus durch seine Auferstehung schenkt.

 

Liebe Mitchristen,

 

die Jünger haben erfahren, dass Jesus in neuer und in ganz anderer Weise lebt, als sie bisher gemeint haben. Sie lernen in diesen Wochen, dass sie von ihren Vorstellungen loslassen müssen, damit sie in eine neue Beziehung mit ihm geführt werden können.

 

Wenn ich auf die vergangene Zeit schaue, haben wir gemeinsam erfahren, dass es in unserer Kirche nicht mehr so weitergeht wie bisher. Nichts ist mehr so, wie es war. Von Vielem, was uns lieb und vertraut geworden ist, haben wir uns erst einmal verabschiedet.

Diese Veränderungen sind auf der einen Seite sehr schmerzlich.

Sind nicht auf der anderen Seite dadurch auch neue Formen und kreative Ideen entstanden, die uns vielleicht nochmal anders zum Beten motiviert und in die Beziehung zu Christus geführt haben?

 

Zum Beispiel der geistliche Impuls, der über den Tag mitgegangen ist; das Verweilen vor einer Kerze; die stille Stunde; das Alleinsein; das Innehalten beim abendlichen Läuten der Glocken; das spontane Gebet auf dem Fahrrad; das Verweilen in der Schöpfung, usw.!

Gab es nicht auch in diesen vergangenen Wochen viele ideenreiche und einfühlsame Zeichen der Verbundenheit und Solidarität, wo wir eine Ahnung bekommen haben, dass der Auferstandene lebt und unter uns ist?

 

Vielleicht will Christus uns heute in ganz anderen Situationen begegnen als wir ihn bisher gesucht und vermutet haben?

 

Dass diese Begegnung dann auch so ganz unverhofft sein kann, davon berichtete mir eine Patientin in der Klinik, die ich am vergangenen Sonntag besuchte. Sie erzählte mir von der schweren Operation, die ihr bevorstand und von der großen Angst davor.

In der Nacht vor der Operation lag sie lange wach und erlebte nach einer Zeit großer Sorge plötzlich einen tiefen Frieden und eine Ruhe in sich, die sie so in ihrem Leben noch nie erfahren hatte. „Gott war mir so nahe, wie mir Menschen nicht sein können,“ sagte sie mir noch sichtlich gerührt und ergänzte: „Nie hätte ich vermutet, Gott in dieser Situation zu begegnen.“

 

Liebe Mitchristen,

 

Christus ist da, er ist in unserer Mitte, bleiben wir offen und wachsam für den Auferstandenen und wagen wir mit ihm neue Wege zu gehen. Lösen wir uns von unseren Sicherheiten und Gewohnheiten und suchen wir ihn in unserem Alltag.  Dann werden wir ihn, wenn er uns ruft, auch an seiner Stimme und an seiner Liebe erkennen. Amen