6. Sonntag der Osterzeit

Evangelium

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll,den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch.Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

 

Predigtimpuls zum 6. Sonntag der Osterzeit von Diakon Joachim Speck:

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ So beginnt die Pastoralkonstitution gaudium et spes und es ist zugleich eine treffende Beschreibung der Nachfolge Christi. Im Matthäus-Evangelium ist der Satz Christi überliefert: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“. In dem dortigen Zusammenhang ging es um die Ankündigung seines Todes und die Erwartung, dass seine Jünger ihn in aller Radikalität verstehen und unterstützen. Es ist aber in einem größeren Bogen die Aufforderung an uns alle, in aller Entschiedenheit in seine Fußstapfen zu treten, nicht nur in Sonntagsreden, sondern in der alltäglichen Tat sich um die Menschen am Rand zu kümmern, um die Ausgestoßenen, die Sünder, diejenigen, die am Rand der Gesellschaft oder der offiziellen Wahrnehmung stehen.

 

Und so ist Christus auch im heutigen Evangelium zu verstehen: die Aufforderung der Liebe seiner Jünger ist verknüpft mit der Aufforderung, seine Gebote zu halten, also es ihm nachfolgend gleich zu tun. So ist der Ausdruck der Liebe zu Christus die Tat an meinem Mitmenschen. Die eben erwähnte Pastoralkonstitution macht dies recht zu Beginn ebenfalls deutlich, in dem sie einen Auftrag zum Dienst am Menschen einfordert mit den Worten: …unter Führung des Geistes , des Trösters, das Werk Christi selbst weiterzuführen, der in die Welt kam, um der Wahrheit Zeugnis zu geben; zu retten, nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen“ Der Dienst am Menschen also ist das Gebot und fügt sich ein in das Liebesgebot und es fügt sich außerdem, dass für den Monat Mai der Heilige Vater folgendes Gebetsanliegen veröffentlichen ließ: „Wir beten, dass die Diakone durch ihren treuen Dienst am Wort und an den Armen ein inspirierendes Zeichen für die ganze Kirche sind.“ Nun wird der Papst sicher das Amt des Diakons im Sinn gehabt haben. Man kann sein Anliegen aber getrost erweitern auf alle Menschen, die in diakonaler Weise sich mit ihren Nächsten beschäftigen, sich mit Menschenliebe den Problemen ihrer Zeit und ihrer Umgebung stellen. Diakonales Handeln ist nicht an ein Geschlecht gebunden und auch nicht von einer Weihe abhängig, sondern folgt einzig und allein dem persönlichen Bedürfnis, Jesu Christi nachzufolgen. Daher möchte ich aus der jüngeren Geschichte drei Frauen hervorheben, die ihrem Herzen gefolgt sind und so zu prägenden Gestalten wurden, einen treuen Dienst an den Armen zu verrichten. Zum einen ist dies, Sie ahnen es, Mutter Theresa. Aus dem sicheren Hafen eines Schulordens sah sie die Armut, das Elend, auch die Trauer und Angst der einfachen Menschen von Kalkutta. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt und das getan, was uns Jesus aufgetragen hat, nämlich seine Gebote zu halten, den Nächsten zu lieben, aber auch es ihm gleich zu tun in seinem Respekt vor den Lahmen, Blinden, Sündern und Kranken.

 

Die zweite Ordensfrau ist Ruth Pfau. Auch sie hätte als sog. Höhere Tochter ein bürgerliches Leben führen können. Gleichwohl hat sie der Glaube als Erwachsene in die Kirche geführt und wenig später in ihre Ordensgemeinschaft. Eigentlich hätte sie für ihre Gemeinschaft als Frauenärztin in Indien wirken sollen. Auf dem Weg machte sie in Pakistan Station und wurde mit dem Elend der Lepra Krankheit konfrontiert. Sie zögerte nicht und widmete fortan ihr ganzes Leben der Bekämpfung der Lepra Krankheit, der Pflege und Fürsorge der Lepra Kranken. In einem späteren Lebensabschnitt kam zusätzlich noch der Kampf gegen unnötige Erblindungen hinzu. Eine wirkliche Hinwendung zu den Bedürftigen in direkter Nachfolge Jesu. Die Dritte im Bunde ist Lea Ackermann. Auch sie hätte als gelernte Bankkauffrau ein unaufgeregtes Leben führen können, aber auch sie trat in einen Orden ein, der sie Kenia und Ruanda sandte. Dort wurde sie rasch aufmerksam auf die Verelendung breiter Bevölkerungsgruppen, die vor allen Dingen die Frauen traf. Zwangsprostitution, Sextourismus, Unterdrückungsmechanismen forderten sie heraus und ließen sie fortan nicht mehr ruhen. Sie gründete gemeinsam mit einem Pallottiner die Gemeinschaft Solwodi und kümmert sich um die Anliegen von ausgebeuteten Frauen.

Das sind drei Beispiele von Frauen, die in ihrem jeweiligen Ursprungsleben eine geruhsame Lebensperspektive gehabt hätten, ein normales Leben. Und alle drei haben diese Normalität getauscht mit einem Leben, zu dem sie berufen waren und wo sie ihre Talente zum Wohl der Ärmsten eingesetzt haben.

 

Am Schluss des Evangeliums sagt Jesus: „wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“. Die drei Frauen haben ihre Menschenliebe und damit ihre Christusliebe uns vorgelebt, und wir dürfen uns fragen: wo ist in meinem Umfeld der Arme aus Kalkutta, die Leprakranke aus Pakistan, die Prostituierte aus Afrika oder Asien. Wo kann ich die Ärmel hochkrempeln und etwas tun für die Ausgestoßenen unserer Tage: der Obdachlose am Bahnhof beispielsweise, der Migrant, der in Todesangst sein Land verlassen musste oder aber auch ganz schlicht die Menschen, die in seelischer Not sind und nicht mehr teilnehmen können am ganz normalen Leben. Bin ich bereit, mich diesen Problemen zu stellen, und loszuziehen, wie Mutter Theresa, Ruth Pfau und Lea Ackermann? und zwar unabhängig von meinem Geschlecht, meiner Herkunft, meinem sozialen Leben Dienst zu tun als Diakonin oder Diakon der Nächstenliebe? So kann ein jeder von uns Freude und Hoffnung sein für jene, deren bestimmendes Lebensgefühl Trauer und Angst ist. Amen.